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Der bedürftige Herr Spahn

Neulich am Reichstag.
Neu­lich am Reichstag.

Ja, der Herr Spahn.

Ich könn­te mich ein­rei­hen bei den Kri­ti­kern, die den Müns­ter­län­der Bank­kauf­mann ver­hau­en für sei­ne sozia­le Käl­te, sei­nen ideo­lo­gi­schen Tun­nel­blick, sei­ne offen­kun­di­ge dumpf­ba­cki­ge Ver­ach­tung für alle, die es – anders als er selbst, wie er (mög­li­cher­wei­se vor­ei­lig) glaubt – nicht geschafft haben.

Ich könn­te dar­auf hin­wei­sen, dass ernst­zu­neh­men­de, auf­rech­te Kon­ser­va­ti­ve es auch mit fet­ter Brief­ta­sche nicht nötig hät­ten, aus­ge­rech­net auf denen her­um­zu­ha­cken, die eh schon am unters­ten Ende der sozia­len Lei­ter ste­hen – oder ganz her­un­ter­ge­fal­len sind.

Auch könn­te ich erwäh­nen, dass es zudem einem Bun­des­mi­nis­ter in spe nicht gut ansteht, wenn er sich in sei­nem ers­ten State­ment nach der Beru­fung aus­ge­rech­net popu­lis­tisch zu einer res­sort­frem­den Pro­ble­ma­tik äußert.

Dass Herr Spahn, noch nicht mal rich­tig im Amt, in sei­ner prä­po­ten­ten Art sogleich der­ma­ßen able­dert, dass sogar sei­ne eige­ne frisch­ge­ba­cke­ne Gene­ral­se­kre­tä­rin Kramp-Kar­ren­bau­er den Spal­ter Spahn schuh­rie­geln muss, wäre mög­li­cher­wei­se eben­falls wert festzuhalten.

Viel­leicht meint er, könn­te ich mut­ma­ßen, das dem aso­zia­len Teil sei­ner Par­tei­gän­ger schul­dig zu sein – even­tu­ell Impuls eines tief­sit­zen­den, in vie­len Jah­ren müh­sam erwor­be­nen Hangs zur Über­kom­pen­sa­ti­on in einem prin­zi­pi­ell feind­li­chen poli­ti­schen Milieu.

Es wäre even­tu­ell auch zu fra­gen, ob sich das Elend von Hartz-IV-Kar­rie­ren gan­zer Fami­li­en und Genera­tio­nen nur dar­an bemisst, ob eine Kon­ser­ve, eine Hose, eini­ge Bana­nen, ein Paar Schu­he mehr oder weni­ger im staat­lich zuge­bil­lig­ten Waren­korb lie­gen. Wer so den­ke, wür­de ich dann wohl sagen, hät­te das Pro­blem nicht ver­stan­den.

Möch­te sein, ich käme auch zu dem Schluss, dass der war­me Bru­der mit dem kal­ten Her­zen das alles sehr genau weiß und bewusst pola­ri­siert und pole­mi­siert, um das tun zu kön­nen, was er schon so lan­ge vor­hat – die Uni­on end­lich wie­der wei­ter rechts zu verorten.

Aber all das will ich mal blei­ben lassen.

Statt­des­sen fra­ge ich mich, wie­so Typen wie Spahn nicht mehr Fan­ta­sie auf­brin­gen, als bloß auf Schwä­che­ren herumzutrampeln.

Wenn er doch schon dem­nächst an höchs­ter Stel­le für Gesund­heit ver­ant­wort­lich sein soll, war­um star­tet er in sein Res­sort nicht mit kon­struk­ti­ven Vor­schlä­gen zur Volks­ge­sund­heit?[1]Darf man das Wort noch benut­zen?

Und wenn er schon den Hartz-IV-Emp­fän­ger an sich im Visier hat, war­um star­tet er nicht – zusam­men mit den Kran­ken­kas­sen zum Bei­spiel – eine Initia­ti­ve nach dem Mot­to »Gesün­der kochen mit wenig Geld« – mit ganz prak­ti­scher Wis­sens­ver­mitt­lung für Leu­te, die es wirk­lich brauchen?

Oder finan­ziert eine Akti­on, um bun­des­weit Kin­der und Jugend­li­che aus sozi­al benach­tei­lig­ten Wohn­ge­gen­den mit nied­rig­schwel­li­gen Ange­bo­ten in die Sport­hal­len und Schwimm­bä­der zu holen?

Es gäbe sicher noch mehr, was ein Minis­ter mit einem Hauch von Empa­thie und Kom­pe­tenz ansto­ßen könn­te. Viel mehr, als mir so spon­tan einfällt.

Aber der Herr Spahn, der hat so lan­ge gebraucht, um es mit sei­ner Stän­ke­rei trotz Mer­kel bis fast ganz nach oben unter Mer­kel zu schaf­fen, dass er es viel gei­ler fin­det, in vol­lem bei­nah­mi­nis­te­ri­el­len Wichs als ers­tes mal so rich­tig auf die Kacke zu hau­en und die Pari­as der bun­des­deut­schen Gesell­schaft auf ihren Platz zu verweisen.

Aber woher soll ein lang­jäh­ri­ger Phar­ma­lob­by­ist[2]Phar­ma­lob­by­ist mit Poli­tas auch so etwas wie ein sozia­les Gewis­sen haben? Der lebt Sozi­al­neid von oben. Ich fürch­te, Herr Spahn hat nicht alles, was man zum Leben braucht.

Bedürf­tig­keit hat halt vie­le Gesichter.

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1 Darf man das Wort noch benutzen?
2 Phar­ma­lob­by­ist mit Politas

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