Die Frage ist: Wer baut neue Brücken?

Ja ja, ich weiß. Ger­hard Schrö­der ist per­so­na non gra­ta. Ich erlau­be mir aber, das – von Lip­per zu Lip­per – etwas anders zu sehen. Und was er zum Krieg in der Ukrai­ne zu sagen hat, darf man sich ruhig mal durch­le­sen und ’ne Vier­tel­stun­de drü­ber nachdenken.

Paw­low­sche Hun­de müs­sen lei­der drau­ßen bleiben.

berliner-zeitung.de
Gast­bei­trag von Ger­hard Schrö­der: Gemein­sa­me Sicher­heit statt Selbstzerstörung

I. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Was Theo­dor W. Ador­no in der „Mini­ma Mora­lia“, sei­nen „Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben“, kate­go­risch fest­ge­stellt hat, gilt auch für den Krieg in der Ukrai­ne. Krieg ist immer falsch. Er bringt mit jedem Tag mehr Leid, Elend, Tod und Zer­stö­rung. Und mit jedem Tag wächst das Risi­ko, dass er eska­liert und sich aus­wei­tet. Auch der Krieg in der Ukrai­ne. Carl von Clau­se­witz hat­te recht mit sei­ner War­nung: Der Krieg hat kei­ne Gren­zen in sich.

Die Ukrai­ner haben ein Recht auf Selbst­ver­tei­di­gung, jedes Land hat den berech­tig­ten Anspruch auf Sicher­heit. Aber gera­de des­halb heißt die wich­tigs­te Auf­ga­be für ein gutes Leben: Frie­den schaf­fen. Nur im Frie­den ist ein gutes Leben mög­lich. Das heißt kon­kret für die Ukrai­ne: Waf­fen­still­stand, Ver­hand­lun­gen über ein dau­er­haf­tes Frie­dens­ab­kom­men zwi­schen den Kriegs­par­tei­en sowie eine sta­bi­le Frie­dens­ar­chi­tek­tur in Euro­pa. Nicht die Spra­che des Mili­tärs darf die wei­te­re Ent­wick­lung bestim­men, son­dern die Spra­che der Diplo­ma­tie und des Frie­dens. Um es mit Hel­mut Schmidt zu sagen: „Lie­ber 100 Stun­den umsonst ver­han­deln, als eine Minu­te schießen.“

„Rendezvous mit dem Schicksal“

Die­se Auf­ga­ben rich­ten sich nicht nur an die Kriegs­par­tei­en, son­dern sie sind eine Her­aus­for­de­rung an Euro­pa, das Ver­ant­wor­tung für einen Frie­dens­schluss über­neh­men muss. Dazu gibt es kei­ne Alter­na­ti­ve, zumal der Krieg in der Ukrai­ne kein regio­na­les Dra­ma ist, son­dern längst eine geo­stra­te­gi­sche Dimen­si­on ange­nom­men hat. Es ist ein Krieg, der auch die Sche­re zwi­schen Arm und Reich wei­ter öff­net, vor allem durch sei­ne Aus­wir­kun­gen auf Ener­gie, Lebens­mit­tel und Lie­fer­ket­ten. Und er ist mit­ent­schei­dend für die künf­ti­ge Weltordnung.

Das bedeu­tet: Wir sind erneut Zeu­gen, ja sogar Mit­be­tei­lig­te einer his­to­ri­schen Schlüs­sel­si­tua­ti­on, die der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Fran­k­lin Dela­no Roo­se­velt in den 1930er-Jah­ren ein „Ren­dez­vous mit dem Schick­sal“ nann­te. Damals erschüt­ter­te die „Gro­ße Depres­si­on“ von 1929 die Welt und es kam zum Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Auch heu­te kommt es dar­auf an, ent­schlos­sen jede Eska­la­ti­on der Gefah­ren zu stoppen.

Wir sind im gefährlichsten Jahrzehnt seit dem Zweiten Weltkrieg

Erneut erlebt die Mensch­heit ein „Jahr­zehnt der Extre­me“. Es begann mit der welt­wei­ten Covid-19-Pan­de­mie, dann kam es zum Krieg in der Ukrai­ne unter dem Atom­schirm Russ­lands. Das ist ein Krieg direkt an der Gren­ze zur Nato, der sogar eine ato­ma­re Kata­stro­phe aus­lö­sen kann. Und schon in weni­gen Jah­ren wird die Welt die Wucht der Kli­ma­kri­se immer här­ter zu spü­ren bekom­men, denn die glo­ba­le Erwär­mung wird die 1,5‑Grad-Grenze über­schrei­ten und sich damit den gefürch­te­ten Kipp­punk­ten im Erd­sys­tem nähern, an denen die Schä­di­gun­gen der Kli­ma­zo­nen in gro­ßen Welt­re­gio­nen schnell außer Kon­trol­le gera­ten können.

Kurz: Wir sind im gefähr­lichs­ten Jahr­zehnt seit dem Zwei­ten Welt­krieg, beängs­ti­gend sind die Sum­me, Aus­deh­nung und Par­al­le­li­tät der Kri­sen. Alles zu tun, dass es nicht ähn­lich furcht­bar endet, ist heu­te die dring­lichs­te Auf­ga­be. Doch scheint jedes Ver­ständ­nis ver­lo­ren gegan­gen zu sein, dass die gro­ßen Mensch­heits­ge­fah­ren von der Welt­ge­mein­schaft nur gemein­sam bewäl­tigt wer­den kön­nen. Das wich­tigs­te Gebot unse­rer Zeit ist eine „Welt­in­nen­po­li­tik“, wie sie bereits von Wil­ly Brandt gefor­dert wurde.

Die Verteilungskämpfe werden härter

Statt der Mili­ta­ri­sie­rung der Welt brau­chen wir die Bereit­schaft zu mehr Frie­den, Zusam­men­ar­beit und Nach­hal­tig­keit. Das ist nicht nur wegen der denk­ba­ren Fol­gen ato­ma­rer und kon­ven­tio­nel­ler Hoch­rüs­tung von zen­tra­ler Bedeu­tung, son­dern auch ange­sichts der Kli­ma­kri­se, der zuneh­men­den Knapp­heit der Roh­stof­fe, der sozia­len Spal­tung und des wach­sen­den Hun­gers auf der Welt. Die Ver­tei­lungs­kämp­fe wer­den här­ter. Von daher ist „Gemein­sa­me Sicher­heit“ in einem erwei­ter­ten Sin­ne eine Fra­ge uni­ver­sel­ler Ver­nunft, die heu­te geschaf­fen wer­den muss, ganz so wie das der Pal­me-Bericht 2022 beschrie­ben hat.

Mit den Ursa­chen und Fol­gen des Ukrai­ne-Kriegs und der her­auf­zie­hen­den Kli­ma­kri­se beschäf­tigt sich das im Frank­fur­ter Westend-Ver­lag erschie­ne­ne Buch „Selbst­ver­nich­tung oder Gemein­sa­me Sicher­heit“. Die Autoren Micha­el Mül­ler, Peter Brandt und Rei­ner Braun, die aus der Frie­dens­be­we­gung kom­men, beschrei­ben dar­in nicht nur die Vor­ge­schich­te des Ukrai­ne-Krie­ges, son­dern auch sei­ne mög­li­chen Fol­gen für Euro­pa und die Weltordnung.

Eine gesamteuropäische Friedensordnung will die Nato nicht

Sie war­nen vor einer dop­pel­ten Gefahr der Selbst­ver­nich­tung der Mensch­heit – sowohl durch die ver­stärk­te Hoch­rüs­tung als auch die Aus­wir­kun­gen einer Kli­ma­ka­ta­stro­phe. Sie plä­die­ren für eine Poli­tik der gemein­sa­men Sicher­heit, die der frü­he­re schwe­di­sche Regie­rungs­chef Olof Pal­me vor­ge­zeich­net hat, und für eine sozia­le und öko­lo­gi­sche Gestal­tung der Trans­for­ma­ti­on, deren Leit­idee die Nach­hal­tig­keit ist. Gemein­sa­me Sicher­heit und Nach­hal­tig­keit beru­hen dar­auf, zu mehr Gemein­sam­keit in der Welt zu kom­men. Denn nur dann kön­nen die glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen bewäl­tigt wer­den. Eine tief gespal­te­ne Welt kann das nicht.

Zur Person

Ger­hard Schö­der war von 1998 bis 2005 deut­scher
Bun­des­kanz­ler. Gegen den Wider­stand der dama­li­gen Oppo­si­ti­on
im Bun­des­tag lehn­te er 2002 eine deut­sche Betei­li­gung am Irak-
Krieg ab.

An der heu­ti­gen Weg­schei­de geht es den Autoren in ers­ter Linie um die Selbst­be­haup­tung Euro­pas. Hier­in sehen sie den Schlüs­sel für einen Waf­fen­still­stand in der Ukrai­ne. Sie knüp­fen dabei an die Visi­on einer gesamt­eu­ro­päi­schen Frie­dens­ord­nung an, die 1990, nach dem Ende der in Ost und West gespal­te­nen Welt, auf der Kon­fe­renz über Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Euro­pa (KSZE) in der „Char­ta von Paris für ein neu­es Euro­pa“ vor­ge­zeich­net wur­de. Aber die Chan­ce einer gesamt­eu­ro­päi­schen Frie­dens­ord­nung wur­de (bis­her) nicht genutzt, auch weil sie von wich­ti­gen Nato-Part­nern, vor allem den USA, nicht gewollt wurde.

Vor allem Deutsch­land und Frank­reich, die Kern­län­der der EU, müs­sen die Initia­ti­ve für einen neu­en Anlauf unter­neh­men, um zu einem Euro­pa der Nach­hal­tig­keit und Zusam­men­ar­beit zu kom­men. Sie müs­sen mit einem „Plan für den Frie­den“ die Kriegs­par­tei­en an einen Tisch holen, ohne die Kon­flik­te und die Unter­schie­de in den Inter­es­sen, Wer­ten und gesell­schaft­li­chen Ord­nun­gen zu ver­schlei­ern. Das „Gemein­sa­me Haus Euro­pa“, die gro­ße Visi­on von Michail Gor­bat­schow, der die deut­sche Ein­heit mög­lich gemacht hat, dar­um geht es auch heu­te, obwohl die Ver­stän­di­gung durch den Krieg in der Ukrai­ne schwie­ri­ger und kom­ple­xer gewor­den ist.

II. Echter Frieden in der Ukraine muss das Produkt europäischer Staaten sein. Frieden ist ein Prozess.

Mei­ne Genera­ti­on wur­de stark geprägt von der Frie­dens- und Ent­span­nungs­po­li­tik der 1970er-Jah­re und den pro­gram­ma­ti­schen Berich­ten der Ver­ein­ten Natio­nen in den 1980er-Jah­ren für eine Welt­in­nen­po­li­tik. Neben „Mehr Demo­kra­tie wagen“ und den inne­ren Refor­men war die Ost­po­li­tik von Wil­ly Brandt ein wich­ti­ger Teil mei­ner poli­ti­schen Bewusst­seins­bil­dung. Es war die Zeit, in der die Ver­krus­tun­gen des „CDU-Staa­tes“ auf­ge­bro­chen wur­den und unser Land grund­le­gend moder­ni­siert wur­de. Es war eine Zeit von Auf­klä­rung und Vernunft.

Die sozi­al-libe­ra­le Epo­che hat wich­ti­ge Grund­la­gen geschaf­fen, um die in Ost und West geteil­te Welt zu über­win­den und mit dem 2‑p­lus-4-Ver­trag die deut­sche Ein­heit und die Über­win­dung der euro­päi­schen Spal­tung mög­lich zu machen. Auch Hel­mut Kohl ist zu dan­ken, dass er 1989 die sich auf­tu­en­den Chan­cen für die deut­sche Ein­heit kon­se­quent genutzt hat. Aber ohne die Vor­ar­beit von Wil­ly Brandt, Wal­ter Scheel und Egon Bahr wäre die dama­li­ge Ver­stän­di­gung mit der Sowjet­uni­on nicht denk­bar gewor­den. Michail Gor­bat­schow hat die Frie­dens- und Abrüs­tungs­vor­schlä­ge der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie mit gro­ßer Auf­merk­sam­keit und viel Sym­pa­thie verfolgt.

Verständigung und Zusammenarbeit müssen das Ziel sein

Damals wur­den von den Ver­ein­ten Natio­nen durch drei unab­hän­gi­ge Kom­mis­sio­nen unver­än­dert wich­ti­ge Grund­la­gen für eine Welt­in­nen­po­li­tik geschaf­fen: Wil­ly Brandt mit den Vor­schlä­gen für ein „Gemein­sa­mes Über­le­ben“ durch eine fai­re und soli­da­ri­sche Zusam­men­ar­beit der Indus­trie­staa­ten mit dem glo­ba­len Süden; Olof Pal­me mit sei­nem Kon­zept „Gemein­sa­me Sicher­heit“ im Atom­zeit­al­ter; Gro Har­lem Brundt­land mit dem Report „Unse­re gemein­sa­me Zukunft“, der die Leit­idee der Nach­hal­tig­keit für die Zusam­men­füh­rung von Umwelt und Ent­wick­lung beschreibt.

Die­se drei UN-Berich­te müs­sen als Ein­heit ver­stan­den wer­den, als sta­ti­sches Gerüst für unse­re zusam­men­ge­wach­se­ne Welt, in der die Mensch­heit zur Bewäl­ti­gung der gro­ßen glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen wie der Kli­ma­kri­se, Bekämp­fung des Hun­gers oder Roh­stoff­si­cher­heit auf das Ver­ständ­nis von Gegen­sei­tig­keit ange­wie­sen ist. Trotz nicht zu leug­nen­der Unter­schie­de zwi­schen den Staa­ten muss ver­sucht wer­den, zu Ver­stän­di­gung und Zusam­men­ar­beit zu kom­men. Doch die Emp­feh­lun­gen der Ver­ein­ten Natio­nen gerie­ten in den Hintergrund.

Vorgeschichte des heutigen Dramas

Hans-Diet­rich Gen­scher hat nach dem his­to­ri­schen Jahr 1989 mehr­fach davor gewarnt, die Ange­bo­te zur Ver­stän­di­gung mit Russ­land nicht zu nut­zen. Die Nato, die 1949 gegrün­det wur­de, damit sich die sowje­ti­sche Ein­fluss­zo­ne nicht über die Elbe nach Wes­ten aus­deh­nen kann, wur­de immer wei­ter nach Osten erwei­tert, ohne dass es dafür eine gesamt­eu­ro­päi­sche Frie­dens­ord­nung gab. 

Neben Frank­reich und der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel warn­ten selbst die ame­ri­ka­ni­schen Sicher­heits­be­ra­ter Prä­si­dent Geor­ge W. Bush vor einer Nato-Aus­deh­nung in die Ukrai­ne und nach Geor­gi­en, ohne dass es zu einer Ver­stän­di­gung mit der poli­ti­schen Füh­rung in Mos­kau gekom­men sei. Doch die Ver­spre­chen wur­den gebrochen.

Das fal­sche Mot­to „The win­ner takes it all“ recht­fer­tigt nicht den Krieg in der Ukrai­ne, aber es gehört zur Vor­ge­schich­te des heu­ti­gen Dra­mas. Die Ukrai­ne hat für Russ­land eine her­aus­ra­gen­de Bedeu­tung, denn Kul­tur und Geschich­te der bei­den Län­der sind eng mit­ein­an­der ver­bun­den. Statt alles vom Ende, näm­lich der Bewah­rung des Frie­dens her zu den­ken, kam es in der gespal­te­nen Gesell­schaft der Ukrai­ne nach den Mai­dan-Demons­tra­tio­nen von 201314 zu west­li­chen Waf­fen­lie­fe­run­gen und zu einer Zuspit­zung der Kon­flik­te mit dem rus­si­schen Teil der Bevöl­ke­rung im Osten des Landes.

Engpässe bei wichtigen Rohstoffen nehmen zu

Die Zahl der Opfer steigt, die Wut nimmt zu, nicht nur in der Ukrai­ne. Die Fol­gen des Krie­ges sind welt­weit zu spü­ren. Die Ver­ein­ten Natio­nen kamen bereits im Mai zu der erschre­cken­den Fest­stel­lung, dass min­des­tens 107 Län­der mit 1,7 Mil­li­ar­den Men­schen von den Fol­gen des Krie­ges und der Sank­tio­nen betrof­fen sei­en: mit der sich zuspit­zen­den Ener­gie­kri­se, den stei­gen­den Lebens­mit­tel­kos­ten und den ver­schlech­ter­ten Finanz­be­din­gun­gen. Eng­päs­se bei wich­ti­gen Roh­stof­fen neh­men zu, glo­ba­le Lie­fer­ket­ten sind gestört. Wie soll in die­ser ver­letz­ten und gespal­te­nen Welt, so fra­gen auch die drei Autoren, die glo­ba­le Kli­ma­kri­se bewäl­tigt wer­den, wenn es nicht schnell zu einer Frie­dens­lö­sung kommt?

Der Krieg ver­tieft die Spal­tung. Die Län­der, die sich nicht den Sank­tio­nen gegen Russ­land ange­schlos­sen haben, ste­hen für die Mehr­heit der Welt­be­völ­ke­rung. Die Shang­hai­er Orga­ni­sa­ti­on für Zusam­men­ar­beit, die 40 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung ver­tritt, lehnt Sank­tio­nen eben­so ab wie die BRICS-Staa­ten (Bra­si­li­en, Russ­land, Indi­en, Chi­na und Süd­afri­ka), zu denen nach Wirt­schafts­kraft und Bevöl­ke­rungs­zahl von fast 2,8 Mil­li­ar­den Men­schen die bei­den stärks­ten Län­der der Erde – Chi­na und Indi­en – gehö­ren. Sie ver­fü­gen über eine gro­ße Bedeu­tung in der Roh­stoff­po­li­tik, gewin­nen tech­no­lo­gisch stark an Ein­fluss und arbei­ten an einer Abkehr vom Leit­wäh­rungs­sys­tem des US-Dol­lars. Der Ukrai­ne-Krieg lässt befürch­ten, dass spe­zi­ell Euro­pa nicht nur ein Pro­blem mit Russ­land hat, son­dern auch zum Ver­lie­rer der glo­ba­len Macht­ver­schie­bun­gen und ihrer Fol­gen wird.

Ein Plan für den Frieden

Die Fra­ge ist: Wer baut neue Brü­cken? Aus den ers­ten Ver­su­chen wur­de nichts. Das Minsk-I-Abkom­men, aus­ge­han­delt unter Ver­mitt­lung der Orga­ni­sa­ti­on für Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Euro­pa (OSZE), schei­ter­te; eben­so Minsk II, an des­sen Aus­hand­lung Fran­cois Hol­lan­de und Ange­la Mer­kel betei­ligt waren und das durch die ein­stim­mi­ge Zustim­mung des UN-Sicher­heits­ra­tes sogar völ­ker­recht­lich in Kraft trat. Die Ver­hand­lun­gen zogen sich hin, der Ein­marsch Russ­lands in die Ukrai­ne been­de­te die­sen Friedensprozess.

In Istan­bul leg­te die ukrai­ni­sche Dele­ga­ti­on am 29. März 2022 einen 10-Punk­te-Vor­schlag für Sicher­heits­ga­ran­tien vor, der nahe einer Eini­gung war. Der wei­te­re Kriegs­ver­lauf, auch die umfang­rei­chen Waf­fen­lie­fe­run­gen und laut ukrai­ni­schen Medi­en­be­rich­ten west­li­che Inter­ven­tio­nen in Kiew waren für einen Abbruch die­ser aus­sichts­rei­chen Ver­hand­lun­gen ausschlaggebend.

Im Mai 2022 leg­te Ita­li­en dem UN-Gene­ral­se­kre­tär Antó­nio Guter­res einen Frie­dens­plan vor. Die­ser sah vor, die UN, die EU und die OSZE in Ver­hand­lun­gen zwi­schen Russ­land und der Ukrai­ne ein­zu­bin­den, um einen vier­stu­fi­gen Plan umzu­set­zen: Waf­fen­still­stand, kein Nato-Bei­trit­t/­Neu­tra­li­tät der Ukrai­ne, Selbst­be­stim­mung ter­ri­to­ria­ler Fra­gen und inter­na­tio­na­ler Sicher­heits­pakt unter dem Dach der OSZE.

Es muss zu einer Friedenslösung kommen

Auf Ein­la­dung des Vati­kans erar­bei­te­te im Juni 2022 eine inter­na­tio­na­le Exper­ten­grup­pe unter der Lei­tung des ame­ri­ka­ni­schen Öko­no­men Jef­frey Sachs einen Vor­schlag für einen „gerech­ten und dau­er­haf­ten Frie­den in der Ukrai­ne“. Statt eines von den Exper­ten befürch­te­ten „Zer­mür­bungs­krie­ges“ schla­gen sie eine Vor­ge­hens­wei­se in acht Punk­ten vor, zu denen neben einer mili­tä­ri­schen Neu­tra­li­tät der Ukrai­ne und inter­na­tio­na­len Sicher­heits­ga­ran­tien auch die schritt­wei­se Auf­he­bung der Sank­tio­nen, ein mul­ti­la­te­ra­ler Wie­der­auf­bau­fonds und ein inter­na­tio­na­ler Über­wa­chungs­me­cha­nis­mus der UN gehören.

Lesetipp

Micha­el Müller/Peter Brandt/Reiner Braun: „Selbst­ver­nich­tung
oder Gemein­sa­me Sicher­heit? Unser Jahr­zehnt der Extre­me:
Ukrai­ne-Krieg und Kli­ma­kri­se“. Westend Ver­lag, Frank­furt am
Main. 144 Sei­ten, 20 Euro.

Ich gebe den Autoren recht: Statt einer Kriegs­lo­gik muss es zu einer Frie­dens­lö­sung im Sin­ne der Gemein­sa­men Sicher­heit kom­men. Das ist im Inter­es­se Euro­pas, ja im Inter­es­se der Selbst­be­haup­tung Euro­pas in einer Welt, die sich in einem tie­fen Umbruch befin­det. Wenn der Ukrai­ne-Krieg wei­ter eska­liert, wie soll dann die Welt­ge­mein­schaft die gro­ßen glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen unse­rer Zeit über­haupt noch bewäl­ti­gen kön­nen? Wir haben nur die „Eine-Welt“.

Schreibe einen Kommentar